Ein Ergebnis unseres Workshops im Synagieren-Wirkcamp ist ein Starter-Kit, das Einzelpersonen, aber auch Gruppen, es erleichtern soll den Blue Engineering-Gedanken an ihrer Hochschule zu etablieren. Die Gruppen aus Berlin und Hamburg haben schon manche Sackgasse erfolgreich überwunden und wollen so helfen, dass neue Gruppen sich nicht allzulange in Richtung Sackgasse bewegen. Das Rad muss schließlich nicht immer wieder neu erfunden werden. Aber vor allem soll das Starter-Kit Mut machen es einfach mal zu probieren, denn drei oder vier engagierte Personen reichen aus um an der eigenen Hochschule einiges in Gang zu setzen. Natürlich muss man da aufpassen, dass nicht von Anfang zu viel gewollt wird. Man aber auch nicht gleich verzagt, denn der Blue Engineering Gedanke stößt in der Regel bei den Verantwortlichen in den Hochschulen auf große Sympathie.
Starter-Kit
Dieser Text beschreibt den Werdegang der Blue Engineering Gruppen in Berlin und Hamburg.
Gedacht ist das ganze als Leitfaden und Orientierungshilfe für einzelne Menschen und Gruppen an anderen Hochschulen um ebenfalls eine Blue Engineering zu Gruppe gründen. Diese Starter-Kit soll helfen bekannte Fehler zu vermeiden und bereits erfundene Räder zu nutzen, wobei wir uns bewusst sind, dass beides ein wichtiger Teil ist um als Gruppe zusammen zuwachsen. In diesem Sinn ist dieser Text mehr eine Inspirationsquelle als eine feste Handreichung, denn jede Gruppe ist anders und an jeder Hochschule sind die Voraussetzungen andere, so dass ihr lernen müsst euren eigenen Weg zu gehen.
Zusammenfassen lässt sich dieses Starter-Kit folgendermaßen:
- Habt den Mut andere anzusprechen –viele Studierende, aber gerade auch Profs und die Uni-Verwaltung, finden die Ziele von Blue Engineering wichtig, unterstützen sie und beteiligen sich gerne.
- Gut Ding will Weile haben –Steckt euch realistische Ziele und lernt euch als Gruppe erstmal kennen. Berlin und Hamburg sind nur weiter als ihr, weil sie zwei-einhalb bzw. anderthalb Jahre Vorsprung haben.
- Blue Engineering ist nicht statisch –nutzt die Möglichkeiten, die ihr an eurer Hochschule habt und setzt vor allem die Ziele um, die ihr euch als Gruppe gegeben habt
Gleichgesinnte finden
Sowohl Hamburg als auch Berlin sind aus dem Seminar “Soziologie des Ingenieurberufs”
von Wolfgang Neef entstanden. Im Januar 2009 wurde ein Referat in dem Seminar in Berlin gehalten in dem die Studierenden schon den Namen und die groben Ziele herausgearbeitet hatten. Der Wunsch die ökologische und soziale Verantwortung von Ingenieuren/innen während des Studiums zu stärken wurde begeistert aufgegriffen, so dass sich gleich 10 Menschen an der Gruppe beteiligt haben. In Hamburg hat Wolfgang Neef die Blue Engineering Gruppe in seinem Seminar erwähnt und auch dort haben Studierende die Idee begeistert aufgegriffen. Schon eine kleine Gruppe Interessierter reicht um an der eigenen Hochschule etwas zu verändern.
Als Einzelne/r kann man, gerade wenn man noch nicht so lange an der Uni ist, wenig erreichen. Deshalb ist es wichtig Gleichgesinnte zu finden. Dazu gibt es zahlreiche Möglichkeiten:
- Nachfragen bei Freunden & Bekannten
- Netzwerke wie Facebook nutzen
- Uni-Interne Foren
- Newsletter der Uni
- Bereits bestehende Gruppen ansprechen
Auch finden sich in anderen kritischen Seminaren bestimmt Gleichgesinnte. Eine Möglichkeit wäre es, eineN SeminarleiterIN anzuschreiben und zu fragen, ob man eine kurze Ansprache innerhalb des Seminars machen kann um Leute zu finden oder noch besser man nimmer erst einmal an dem Seminar teil und spricht dort gezielt einzelne sympathische Leute an.
In Hamburg haben 5 Studierende angefangen Blue Engineering zu planen. Berlin startete mit 10 Mitgliedern, wovon jedoch innerhalb weniger Wochen nur noch wenige aktiv mit dabei waren. So kam es, dass Blue Engineering zu Beginn in Berlin zeitweise mit 4 Leuten sich präsentierte, in der Hoffnung neue Mitglieder zu gewinnen. „Es war wie Pokerspielen, nur dass wir noch nicht einmal Karten auf der Hand hatten.“
Doch die Idee war so attraktiv, dass sich relativ schnell wieder neue aktive gefunden haben, die die Idee erst einmal weiter aus buchstabiert haben.
Hamburg hatte den Vorteil hierauf aufzubauen und so nicht komplett aus dem Nichts planen musste. Dadurch dass man sich an den Berlinern orientieren konnte, gab es weniger Startschwierigkeiten und die Kerngruppe von 5 Leuten ist auch heute noch fast komplett dabei.
Mit den Gleichgesinnten kann man durchaus erst einmal einige Male verschiedene Bausteine nutzen um als Gruppe zusammenzuwachsen und gleichzeitig sich auch mit den Themen von Blue Engineering auseinanderzusetzen. In Berlin treffen wir uns immer drei Stunden pro Woche, wobei im Schnitt die eine Hälfte der Zeit inhaltlich/konzeptionell gearbeitet und die andere Hälfte organisatorische Dinge besprochen und geklärt werden.
Ziel-/Konzeptfindung
Wichtig ist es, mit einer neuen Gruppe sich selber zu definieren. Man braucht ein gemeinsames Ziel/Leitbild, das von allen Mitgliedern der Gruppe getragen wird.
Es ist wichtig, dieses Ziel nicht nur grob in der Gruppe zu diskutieren, sondern es schriftlich festzuhalten in einem Konzeptpapier. Zum einen habt ihr dann etwas in der Hand um euch nach Außen hin zu präsentieren, zum anderen wissen auch alle Gruppenmitglieder, was das genaue Ziel der Arbeit ist.
So ein Konzept zu schreiben mag auf den ersten Eindruck schwer erscheinen, doch ist es für das Selbstverständnis der Gruppe ungemein wichtig. Es kostet viel Zeit (Erfahrungswert aus Hamburg aufbauend auf das Berliner Konzept/Ziel: 6-10 Stunden) und es wird jede Menge Diskussionsbedarf bestehen. Positiver Effekt ist, dass sich die Gruppenmitglieder untereinander sehr gut kennenlernen. Es ist wichtig, diese Diskussionen in einem angenehmen Rahmen zu gestalten, z.B. bringt jeder eine Kleinigkeit zu knabbern mit, es sollte etwas zu trinken geben, euer Raum sollte gemütlich sein etc. Das wichtigste Treffen zur Konzeptfindung in Hamburg fand bei einem der Mitglieder zuhause statt, es gab Kekse, Bier, Tee und einen netten Sitzraum mit super bequemen Kissen.
Damit eine solche Diskussion nicht zu anstrengend wird, ist es wichtig Pausen zu machen und zu erkennen, wenn man auf Kleinigkeiten herumreitet. Gezieltes Abbrechen und Pause machen kann da wunder wirken.
Inhaltlich empfiehlt es sich, die Konzepte von Hamburg und Berlin im vornherein zu studieren und als Vorlage zu nehmen. WICHTIG: Blue Engineering ist NICHT Statisch! Diese Konzepte sind Orientierungshilfen, aber wenn sich eine neue Gruppe mit bestimmten Punkten nicht identifizieren kann, sollte sie diese abändern, aber auch immer mit der Frage im Hinterkopf, ob sie dann noch Blue Engineering sind.
Bezüglich der Zielsetzung sollte man sich sowohl langfristige als auch kurz – und mittelfristige Ziele setzen. Natürlich ist Träumen erlaubt und erwünscht, und langfristige Visionen sind ein wichtiger Teil von Blue Engineering, aber man sollte sich auch kurzfristige, realistisch erreichbare Ziele setzen, grade am Anfang. Dabei steht immer die Frage im Vordergrund: „Was will die Gruppe erreichen?“
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und gut Ding will Weile haben. Lasst euch also Zeit und seid nicht frustriert, wenn nach dem 3. Treffen noch immer keine Lehrveranstaltung o.ä. fertig ist. Die Berliner Blue Engineers werden ihre Lehrveranstaltung nach 3 Jahren Arbeit diesen Winter einführen, und Hamburg ist nach eineinhalb Jahren noch nicht soweit eine Lehrveranstaltung zu stemmen. Lasst euch also nicht deprimieren wenn nicht alles so schnell geht wie man sich das gerne wünschen würde. Wenn ihr Lust habt, schreibt eine Mail an Berlin oder Hamburg, um Fragen zu klären. Auch könnt ihr gerne einfach mal vorbeikommen, oder wenn es sich ergibt können vielleicht Leute aus bestehenden Gruppen zu euch kommen, um euch bei euren Problemen soweit es geht zu helfen. Schließlich muss das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden, und es gibt so viele schöne Fehler und Sackgassen, dass man diese nicht unbedingt immer wieder machen muss / begehen muss. Gerade das gegenseitige Besuchen in der Anfangsphase kann sehr fruchtbar sein und inspirierend sein, weil die Gruppen in Hamburg und Berlin schon sehr als Gruppe zusammengewachsen sind, so dass es beispielsweise einfach viel Erfahrung gibt, wie Diskussionen moderiert werden müssen um nicht ewig geführt zu werden oder zu früh abgehackt werden.
Haltet euch insgesamt nicht zu lange mit den Zielen/dem Konzept auf –
diese rein theoretischen Diskussionen sind auf die Dauer ermüdend. Versucht stattdessen bei jedem Treffen auch inhaltliche/praktische Komponenten zu haben: Bausteine ausprobieren, Bausteine erarbeiten, Veranstaltungen planen, Öffentlichkeitsarbeit besprechen und dergleichen mehr.
Werdet offiziell, knüpft Kontakte
Wenn ihr ein Ziel/Konzept habt, mit dem alle einverstanden sind, ist es an der Zeit mit diesem Konzept eine offizielle Uni-Gruppe zu werden. In Hamburg ist das eine vom AStA unterstützte Arbeitsgruppe (AG), in Berlin eine direkt von der Universität unterstützte Projektwerkstatt. Es hat Vorteile eine offizielle Gruppe zu sein, man bekommt finanzielle Unterstützung, wird bekannter, kann einen Raum bekommen, wird möglicherweise auf der Uni-Website erwähnt, bekommt einen Mailverteiler o.ä. Die Vorteile sind stark Uni-abhängig und sehr vielfältig.
Um herauszufinden, wie oder als was ihr euch an eurer Hochschule am besten gründet, könnt ihr euch an zahlreichen Stellen informieren:
- AStA/Stupa
- ältere Studenten
- Fachschaftsinitiativen (Fachschaftsräte)
- Nett erscheinende Profs, Hiwis, Wimis, Tutoren
- Seminarleiter
- Kommission für Lehre / Fachdidaktik o.ä.
Wichtig ist nur: Bringt den Mut auf die Leute direkt anzusprechen! Niemand wird euch den Kopf abreißen wenn ihr nett nachfragt, und dabei lassen sich schon Kontakte knüpfen, die später noch wertvoll werden können. Ihr werdet so auch bekannter und fangt allmählich an euch hochschulintern zu etablieren. In Hamburg und Berlin waren wir immer wieder überrascht wie positiv die meisten Leute auf die Blue Engineering Idee reagiert haben, in den meisten Fällen haben wir offene Türen eingerannt. Wenn ihr es schafft, Leute von eure Idee zu begeistern und Unterstützung zu gewinnen, ist das ein schon einmal Riesenerfolg und es ist wirklich leichter als ihr es glaubt.
Es ist enorm wichtig Leute zu kennen, die sich an der Hochschule gut auskennen, Hintertürchen öffnen können und vielleicht den ein oder anderen Trick kennen um Steine aus dem Weg zu räumen.An der Hochschule ist es wie überall: Vitamin B hat noch niemanden geschadet.
Werdet bekannt
Es gibt Zahlreiche Möglichkeiten, an einer Universität und außerhalb an Bekanntheit zu gewinnen und auf sich und seine Ideen aufmerksam zu machen:
- Flyer
- Plakate
- Workshops
- Filmvorführungen
- Hochschultage (z.B: Sommerfest o.ä.)
- Vorstellung in verschiedenen Seminaren
- Kongresse
- …
Durch derartige Veranstaltungen werden andere Leute auf eure Idee aufmerksam, und vielleicht findet sich das ein oder andere Neumitglied für Blue Engineering. Es gibt bereits zahlreiche Flyer und Poster, die in Berlin und Hamburg eingesetzt werden und von euch ohne weiteres ebenfalls genutzt werden können. Sprecht uns einfach an.
Selbstorganisation
Es ist wichtig, wenn ihr tatsächlich etwas an euer Uni erreichen wollt, dass alle organisiert an einem Strang ziehen. Dabei ist eine gewisse Selbstorganisation wichtig. Ansonsten werdet ihr nach einem halben Jahr feststellen, dass ihr zwar ein paar nette Treffen hattet, aber faktisch wenig bis nichts erreicht habt (ist in Hamburg so passiert). Man sollte sich grade als Student nicht kaputt organisieren, aber eine gewisse Struktur ist dennoch von Nöten. Folgende Punkte erscheinen uns dabei wichtig, sind aber nur eine offene Ideensammlung:
- Email-Verteiler
- Fester, regelmäßiger Termin für Treffen
- Fester Raum für Treffen
- Ergebnisse Schriftlich festhalten, Protokolle erstellen
- Realistische Zwischenziele & realistische Deadlines setzen
- Klare Aufgabenverteilung
Dabei werdet ihr feststellen, dass die Arbeitsatmosphäre tatsächlich angenehmer wird, man mehr erreichen kann und es „trotzdem“ immer noch oder sogar noch mehr Spaß macht. Auch erwerbt ihr dabei autodidaktisch Fähigkeiten, die euch in eurem späteren Beruf möglicherweise sehr viel mehr nützen werden als Analysis1. Projekte organisieren zu können, Diskussionen zu leiten, Seminare planen und durchführen zu können sind nur einige der wichtigen „Soft Skills“
, die wir in Hamburg und Berlin gelernt haben / dabei sind zu lernen.
Lehrveranstaltung
Wenn eurer langfristiges Ziel eine Lehrveranstaltung ist, gibt es dafür viel zu tun. Bei dem Vergleich zwischen Berlin und Hamburg ist aufgefallen wie stark sich hierbei die Uni-internen Voraussetzungen unterscheiden. So können die Studierenden an der TU Berlin bereits jetzt in der konzeptionellen Phase der Projektwerkstatt-Arbeit bis zu 6 ECTS erlangen. In Hamburg ist dies nicht ohne weiteres möglich. Wenn ihr an dem Punkt angekommen seid und euch ernsthafte Gedanken über die Lehrveranstaltung und deren Form macht, seid ihr schon weit gekommen –
herzlichen Glückwunsch!
Ihr braucht einen Semesterablauf, wie ihr eure Lehrveranstaltung aufbauen wollt. Einfache Vorlesungen sind langweilig und es ist problematisch, Professoren für einzelne Blue Engineering-relevante Themen zu finden, zu motivieren und Zeitlich einzuplanen. Deshalb gibt es die Modulbausteine, die von jedem/r durchgeführt werden können.
Trotzdem muss noch die Uni-Verwaltung überzeugt werden, grade wenn es um die Vergabe von ECTS geht. Zu diesem Thema solltet ihr euch über eine eventuelle Prüfungsleistung Gedanken machen. Vielleicht hilft es für die Veranstaltung, wenn ihr einen Professor an der Uni findet, der für eure Veranstaltung Schirmherr o.ä. Ist (passt dabei allerdings auf, dass ihr demjenigen Professor nicht die komplette Leitung übertragt, Blue Engineering soll von Studenten ausgehen und sich nicht nach der Meinung eines einzelnen Professors richten!)
Wenn ihr hierbei auf schwer lösbare Komplikationen stößt, nutzt eure Kontakte in alle möglichen Richtungen, um herauszufinden wie man eine Lehrveranstaltung an eurer Uni etablieren kann. Auch könnt ihr sehr gerne die Berliner und Hamburger Gruppen ansprechen, die euch da mit Erfahrungen und Bekanntschaften gerne zur Seite stehen.
In Berlin wird das Blue Engineering Seminar aller Voraussicht nach wöchentlich während des Semesters angeboten – zwei oder drei Stunden –
allein organisiert von Studierenden. Daneben muss auch noch einkalkuliert werden, dass die Lehrveranstaltung nicht die weitere Arbeit an Blue Engineering ersetzen kann, denn neben dem Seminar fällt auch so immer noch genügend Arbeit an: Bausteinen erarbeiten, Kontaktpflege, Vorträge auf Kongressen halten, Öffentlichkeitsarbeit und diverse andere Projekte
In Hamburg sieht das folgendermaßen aus…und wird vor allem noch ergänzt.
Aber das sind nicht die einzigen beiden Möglichkeiten, denkbar wäre zum Beispiel nur eine Art Blockseminar zweimal Freitag und Samstag während des Semesters oder eine Blue Engineering Woche vor oder nach dem Semester. Überlegt euch was ihr für sinnvoll erachtet und setzt es um.
Generell ist es wichtig, den Kontakt zwischen den Blue Engineering Gruppen aufrecht zuhalten. Bisher gibt es in Berlin einmal pro Semester ein Wochenendtreffen, wo es ein Wochenende nur um Blue Engineering geht, und auch in Hamburg wird ein solches Treffen stattfinden. Bei den Treffen in Berlin waren auch Hamburger Blue Engineers mit dabei. Es ist wichtig sich gegenseitig auf dem laufenden zu halten, voneinander zu lernen und Erfahrungen auszutauschen. Und es macht nebenbei auch noch saumäßig Spaß!
Das Starter-Kit gibt es hier auch als PDF